Lieber Ingo,
vielen Dank für Deine Gedanken und Anregungen - ich werde mit Freuden weiter darüber
sinnieren, und finde gut, dass Du einen noch grundsätzlicheren Zugang andeknst!
Und lieber Ingo M, danke für Deine wunderbare Felswand-Erzählung!
Die Vergangenheit hat also nicht nur einen Zustand erzeugt.
Sie hat zugleich den Möglichkeitsraum der Zukunft verändert.
Auf diese Historizität versuchen eine chinesische Philosophin und ich in unserer jüngsten
Einreichung (von reviewern zurückgewiesen, Herausgeber erlaubt neue Einreichung…)
einzugehen.
Viele Grüße aus München (dort ein Arbeitskreis Neue Phänomenologie),
Thomas
Am 08.10.2026 um 13:31 schrieb Ingo Tessmann über
PhilWeb <philweb(a)lists.philo.at>at>:
Hi Thomas,
von der Tagung hatte ich noch nichts gehört. Die Übersicht verspricht interdisziplinär zu
werden: „Willkommen sind sowohl theoretisch orientierte Beiträge aus der
Leibphänomenologie, der
Postphänomenologie, der Philosophischen Anthropologie, der Wissenssoziologie, der
Systemtheorie und der Kritischen Theorie, als auch methodische und empirische Beiträge.“
https://www.soziopolis.de/fileadmin/Editorial/Calls/Call_-_Zeitempfinden_un…
Sogar die Kritische Theorie wird erwähnt. Zu der hatte ich während meines Umzuges auch
etwas wieder gefunden — und digitalisiert, nämlich meine damalige philosophische
Studienarbeit „Gedanken zum Studieren“, in der ich von Marx über Habermas und v.
Weizsäcker bis Lorenzen die Geometrie als Theorie der Arbeit andachte:
https://www.ingo-tessmann.de/Gedanken_Studieren.pdf
Die v. Weizsäcker’sche Auffassung von Arbeit als Formveränderung und das Programm
Lorenzens, Geometrie als Formentheorie zu betreiben, müssten sich zwanglos verbinden
lassen. Ich bin allerdings bis heute nicht dazu gekommen. Nun wird Zeit nach Deinem
Vorschlag von Inhalt gelebt, der Formveränderung sein könnte, die sich wiederum auf
Materie als Inhalt bezöge. CFvW verfeinert ja Form und Inhalt gleichermaßen bis auf die
qbits, während Lorenzen zweckrational der Handwerkspraxis folgt, d.h. zeitlogisch
Vergangenheit (Materie) und Zukunft (Geist) verbindet, indem er normativ Möglichkeiten auf
Wirklichkeit reduziert.
Aber wie ist alles, was ist, letzten Endes Zeit? Indem es um Wandel, Veränderung,
Bewegung geht. Bei den qbits sind es die mathematischen Transformationen, die die mit
Energieübergängen verbundenen Formänderungen beschreiben. Im Handwerk ist es die
menschliche Arbeit, die die Formveränderungen an den Materialien bewirkt. Übergreifende
Theorie ist die hinreichend invariante Geometrie.
Du schreibst von einer Weltform in Potenzialen, „aktiv und interaktiv themenzentriert,
die andere universell und über das Eigene hinaus.“ Darin triffst Du Dich auch mit Lorenzen
und CFvW. Aber ginge es nicht auch noch fundamentaler? Also ausgehend von einer Weltform,
die als Zeitform aus sich selbst heraus per Symmetriebruch Vergangenheit und Zukunft
schafft. Das entspräche der Entwicklung vom qbit-Universum via Urknall bis zur Biosphäre.
IT
Am 07.10.2026 um 14:46 schrieb Dr. Dr. Thomas Fröhlich
<dr.thomas.froehlich(a)t-online.de>de>:
Lieber Ingo, liebe Alle,
es wird Anfang Dezember eine Tagung zum Thema Zeit am Inst. für Soziologie, Univ.
Erlangen stattfinden, zu der ich folgende Thesen eingereicht habe. Hintergrund ist die
auch phänomenologische Orientierung des Tagungskonzepts mit Bezug u. a. auf die Neue
Phänomenologie von Hermann Schmitz. Mit diesem habe ich dereinst korrespondiert, und seine
Gedanken finden auch bei einigen psychosomatisch orientierten Ärzten Zuspruch, etwa in dem
Buch von Thomas Fuchs, Phänomenologie des Narzissmus.
Ob mein Beitrag gewünscht wird, ist noch offen, ich habe ihn jedenfalls mit kurzer
Begründung - es sollten nur wenige Seiten sein - in verknappter Thesenform eingereicht,
und er wird im Entscheidergremium in Kürze beschieden. Viele Grüße und danke für das
Lebenszeichen!
Thomas
Thomas Fröhlich
Innere Zeit, soziale Zeit, Zeit der Technik
Vorschlag in Thesenform
· Zeit wird von Inhalt gelebt.
· Inhalt ist, was sich als Zusammenhang im Gleichzeitigen und in der eigenen Folge
durchhält
· Die Beständigkeit seines inneren und bezogenen Zusammenhängens wird durch Quellen
gewährt
· Sein Zusammenhängen hat inhaltsspezifische und für jedweden Inhalt geltende
Anteile
· Letztere können dank ihrer Unabhängigkeit vom Inhalt für jedweden Inhalt zum
Ansatz gebracht werden
· Das gilt auch für die Zeit: geboren aus Inhalt, wird sie Inhalts-unabhängig und
allgemein
· Zeit in ihren inhaltsgebundenen und inhalts-überschreitenden Anteilen nicht nur
zu leben, sondern sie als Etwas zu empfinden, setzt eine graduelle Inhaltsdistanz voraus
· Diese ist kein Aufgehen in der allgemeinen, inhaltsleeren Zeit, sondern eine
Zwischenposition, die an die Quelle beider Zeitformen gebunden bleibt. In der
Zwischenposition zwischen Eigenzeit, anderen eigener Zeit und allen gemeiner Zeit keimt
und lebt die soziale Zeit
· Die gleiche Doppelnatur gilt für den Raum: er wird vom Inhalt gelebt und hat
dabei für jedweden Inhalt gleichermaßen geltende Anteile
· Letztere bilden den physikalisch genannten, Subjekt-unabhängigen Raum
· Der Inhalts-erzeugte und Inhalts-geprägte Raum ist anders
· Er wird aus der Inhalts-Quelle gespeist und strahlt als Inhalt aus
· Indem er gespeist wird, erhält und enthält er sein Leben
· Leben ist Zeiten, es beinhaltet die Inhalts-Zeit
· Inhalts-Zeit und Inhalts-Raum haben eine ihren Quellen entspringende Form
· Sie bilden keine leeren und daher inhaltlich austauschbaren Linien und Flächen
· Sie sind stattdessen von vornherein gefüllt und mit einem Ursprung, ihrer Quelle
versehen
· Ihre allgemeinen Anteile können in Zeitlinien und physikalisch-metrischen,
inhalts-neutralen, auch leeren Räumen markiert werden
· Die „Geometrie“ inhalts-geprägter Zeiträume ist von vornherein sich aus
nicht-beliebigem, sondern gesetztem Ursprung entwickelnd, damit zeithaltig, innerlich
Quell-bezogen und äußerlich im Sinn des Selbsterhalts Umgebungs-bezogen,
Umgebungs-unterscheidend
· Die Entwicklungs- und Beziehungs-„Geometrie“ des gehaltvollen Zeitraums ist eine
Bewegung, die den Selbst-Bezug aufrechterhält
· Es ist eine Bewegung um sich selbst als um das Eigen-Sein als Inhalt, eingebettet
in einen Zeitraum, der inhalts-neutral ist
· Die beste Veranschaulichung dieses „Kreisens um sich selbst“ ist eine in der
Außenzeit voranschreitende und sich inhaltlich in den leeren Raum ergießende Spiralwolke,
ein Wirbeln um das fortbleibend Quell-begründete Eigen-Sein
· Das Letztere wird im Sein gelebt, aber es bekommt darüber hinaus keinen
gesonderten, zusätzlichen, vom Sein abgehobenen Ausdruck
· Man kann es ideell als „Thema“ bezeichnen, um das sein Sein kreist
· Anders als die Bewegung des Seins und dessen Quelle ist sein bleibendes Thema
nicht greifbar, weil es kein gesondertes, über das Eigensein hinausgehendes Sein hat
· Ebenso wie die Quelle vor ihrer Verwirklichung ist es bei gradueller Distanz und
aus der entsprechenden Zwischenposition nur und jeweils in der zugleich distanzierten wie
Inhalts-geprägten Rückschau zu vermuten
· Zusammenhängen setzt ein wechselseitiges „Verstehen“ und erfolgreiche,
Zusammenhangs-stiftende Einverleibung erkennbarer Aspekte des Anderen in das eigene,
anfangs noch fragmentarische Vorgehen voraus
· Das aus dem wechselseitigen Verstehen und Berücksichtigen entstehende
Zusammenhängen ist somit ein gleichwertiger, die Wirksamkeit und Wirklichkeit eines
Zusammenhängens begründender und kennzeichnender Inhalt
· Der Inhalts-geprägte Zeitraum ist damit von vornherein ein auf wechselseitigen
Bedeutungszuweisungen beruhender, er ist ein inhaltlich und mit Gründen begründeter
Bedeutungs-Zeitraum, ein Zeitraum einander zugewiesenen Sinns, ein dynamischer,
relationaler semantischer „Raum“ alias Zeitraum
· Zeiträume sind Eigenwelten, die über wechselseitiges Erkennen und aspekthaftes
Einverleiben miteinander Gemeinschaftsräume bilden können
· Diese neu entstehenden Welten beruhen auf einer geteilten Rhythmik, Einordnung
und Zuordnung
· Sie sind in Resonanz befindliche Welten, die in der Resonanz ihr Eigensein nicht
verlieren, sondern fortleben
· Sie verhalten sich zueinander nicht disjunkt, das heißt, die Teilnahme an einer
Aspekt-zentrierten Resonanz schließt die gleichzeitige Teilnahme an weiteren
Aspekt-bezogenen Resonanzen nicht aus
· Ebenso kann es die Bildung von Gruppen von Resonanz-Eigenwelten geben, die als
ganze Gruppen um ein zentrales Thema kreisen
· Die Kosmologie ähnelt der von Sonnensystemen und Galaxien, nur ohne, dass es die
Sonnen als gesonderte Kohärenzen gibt. Sie sind in der bezogenen Interaktion
durchgehaltene Themen ohne stoffliche Eigenexistenz
· Ebenso wie dem Raum- und Zeitbegriff des allgemeinen Raums und der allgemeinen
Zeit ein individueller, eigenzeitliches und eigenräumliches Agieren bezeichnender
Zeitraumbegriff zur Seite gestellt werden muss, muss auch dem allgemeinen Energiebegriff
ein individualisierter, bedeutungsbegründender und bedeutungsbezogener Energiebegriff zur
Seite gestellt werden
· Dieser semantischen „Energie“ eignet die begründete „Geometrie“ individueller
Zeiträume, sie ist als integraler Teil der Inhalts-begründenden Quelle deren
Inhalts-bezogenes Orientierungs- und Bindungsvermögen in Bezug auf die Vorzugs-Zuordnung
möglicher Aspekte und möglicher Perspektiven
· Als ausgelebtes Vermögen ist sie Zukunfts-Zeit-Strukturierung, eine
Gestaltungs-Energie
· Weil Gestalt je eigen und nicht allgemein ist, ist sie nicht messbar, da es an
einer universellen Vergleichsskala fehlt
· Anderes gilt für ihre allgemeinen Aspekte, die in den Maßen des allgemeinen
Raumes, der allgemeinen Zeit und allem gemeinen Kraft-Aspekten zu messen sind
(Bindungsenergie, kinetische Energie, thermische Energie)
· Semantische Energie ist radiär ihrem Ursprung entspringend. Sie hat keine
metrischen, sondern vergleichend inhaltsbezogene, gestalthaft und Ähnlichkeits-definierte
„Abstände“
Summa summarum: es wird eine Auffassung sich deutender Welten vorgeschlagen, die über das
einzeln Gedeutete hinausgehende, daher allgemeine Anteile in sich tragen und in Bezug auf
diese ihren Eigenweltcharakter aufheben. Die eine Weltform ist in Potenzialen gegründet,
aktiv und interaktiv themenzentriert, die andere universell und über das Eigene hinaus.
Die letztere kennt keine genuinen Zentren, kein unverwechselbares Innen, kein unbedingtes
Hier, Hierin, und Jetzt des Zentrums. Dafür ist sie auf alles, das kohäriert vergleichend
anzuwenden. Mit Inhalt befasst ist sie nur im Hinblick auf dessen Vergleichbarkeit, es
findet kein Resonanz-gestütztes Hineinversenken in das eigene und fremde Inhalt-Sein
statt, es bleibt bei der vom Inhalt-Sein abgehobenen, stärker dem Allgemeinen zugeordneten
Beobachter-Position
> Am 07.10.2026 um 10:10 schrieb Ingo Tessmann über PhilWeb
<philweb(a)lists.philo.at>at>:
>
> Ich habe beim Umzug auch v. Weizsäckers „Einheit der Natur“ wieder gefunden. Darin
schreibt er: „Alles, was ist, ist letzten Endes Zeit“. Daraus eine allgemeine und
einheitliche Philosophie zu entwickeln, wird wohl nur die KI hinbekommen. CFvW ist damit
jedenfalls nicht fertig geworden. Er wäre also weiter zu denken …
>
> IT
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